
In den Augen vieler Menschen ist und bleibt Twitter ein absurder Dienst. Dies werden auch noch so viele Live-Berichterstattungen über Notlandungen auf dem Hudson-River nicht ändern können. Der Grund für das Unverständnis ist, dass der wahre Reiz von Twitter in versteckten Kommunikationseffekten zu finden ist, die sich nur jenen erschließen, die sich auf das Medium längere Zeit einlassen.
Zappen durch Banalitäten?
Wir sind gewohnt im Internet Antworten auf unsere Fragen zu bekommen - wir suchen etwas und das Internet liefert uns im Idealfall die passende Information. Das Internet fungiert somit oft als Problemlöser, als eine selektive Informations-Maschine, die wir gelernt haben kontrolliert zu bedienen. Bei Twitter ist das anders: Statt einem kontrollierten Navigieren ähnelt das Nutzungserlebnis von Twitter mehr dem Eintauchen in einen permanent fließenden Strom. Ähnlich wie beim Zappen durch das Fernsehprogramm, weiß man auch bei Twitter nie genau was man serviert bekommt. Doch zwischen einigen uninteressanten Sendungen findet man auch immer etwas, das für einen selbst interessant ist und das einen zu überraschen vermag. Einen Großteil der Zeit wird man auf Twitter jedoch mit Informationen konfrontiert, die einem gelegentlichen Besucher auf den ersten Blick trivial erscheinen mögen.
Wozu also das Ganze? Haben wir die Zeit, in der wir mit unerwünschten Medieninhalten zugemüllt wurden, nicht hinter uns gelassen?
Ganz so einfach ist es jedoch nicht, denn bei genauerem Hinsehen offenbaren sich hier eine Reihe interessanter Effekte, die in dieser kombinierten Form bei kaum einem anderen Medium zu beobachten sind.
Panoptikum und die Macht der schwachen Verbindungen
Eine grundsätzliche Frage ist, ob wir blind twittern (also ohne ein Bewusstsein über unser Publikum), oder ob das Gegenteil der Fall ist und wir uns über unser Publikum im Klaren sind. Studien haben gezeigt, dass die Intensität der Interaktionen mit der Plattform Twitter bei den meisten Nutzern davon abhängig zu sein scheint, mit wievielen anderen Nutzern sie direkten Austausch betreiben. Ein Nutzer, der keine direkte Kommunikation mit anderen Nutzern betreibt oder kaum ein Feedback auf seine Tweets bekommt, wird Twitter schnell aufgeben oder zumindest seltener nutzen. Reziproke Kommunikationsstrukturen führen zudem dazu, dass der Nutzer zum einen merkt, dass ein Publikum für seine Tweets existiert und zum anderen, dass er ein Gefühl dafür bekommt, wer sein Publikum ist.
Das Publikum ist jedoch geteilt in ein bekanntes und ein unbekanntes. Der bekannte Teil des Publikums ist jener, denen der Nutzer selbst auch folgt und mit denen er aktiven Austausch betreibt. Der unbekannte Teil des Publikums sind jene Nutzer, zu denen keine reziproke Beziehung besteht. Da die Intensität der Nutzung jedoch von dem Bewusstsein über das bekannte Publikum abhängig ist, teilen viele Nutzer oft auch Dinge mit, die sie einem Fremden auf offener Straße so nie ungefragt mitteilen würden.
Diese selbsterzeugte, offenherzige Transparenz kann man als Leichtsinnigkeit des jeweiligen Nutzers abwerten, der langfristige Effekt, der durch dieses Kommunikationsverhalten entsteht, ist jedoch ein anderer: Ein Erlebnis, einen Gedanken oder eine aktuelle Situationsbeschreibung mit anderen zu teilen und sie daran teilhaben zu lassen, wird in der Twittergemeinde als eine soziale Geste verstanden. Jemand, der auch von Zeit zu Zeit persönliche Informationen oder Erlebnisse aus dem persönlichen Umfeld mitteilt, wird als authentisch und sympathisch empfunden. Dies wirkt vertrauensbildend und steigert wiederum die Bereitschaft der anderen sich mit diesem Nutzer auszutauschen oder zu kollaborieren. Dieser Effekt ist ein wichtiger Verstärker für ein Phänomen das Granovetter als die Macht der schwachen Verbindungen beschrieben hat: Eine effektive Form der Kollaboration zwischen Menschen, die eigentlich nur schwach miteinander verbunden sind. Diese Art der Kollaboration ist für den schnellen Informationsfluss innerhalb des Twitternetzwerks verantwortlich. Die Macht der schwachen Verbindungen wird bei Twitter jedoch noch um eine weitere Dimension ergänzt: Intimität.
Phatische Kommunikation und Intimität
Leser meines Twitter-Streams haben vermutlich schon häufiger Tweets wie diesen hier gelesen: "Drinking coffee, reading the Guardian". Ich bin mir darüber bewusst, dass diese Information selbst meine engsten Freunde reichlich wenig interessieren wird. Bei solchen Tweets handelt es sich jedoch um eine Form phatischer Kommunikation, also einer Kommunikation, die nicht dazu dient Probleme zu lösen oder Informationen zu vermitteln. Man spricht, um zu sprechen.
Obwohl der Informationsgehalt also gen Null geht, ist phatische Kommunikation sehr dafür geeignet soziale Funktionen zu erfüllen. Selbst im Falle meines banalen Tweets "Drinking coffee, reading the Guardian" vermittle ich dem Leser phatisch, dass:
1. ich in seinem Netzwerk existiere,
2. emotional und intellektuell aktiv bin
3. und der Kommunikationskanal im Netzwerk für Folgekommunikation geöffnet ist.
Ein Tweet macht somit schlichtweg deutlich, dass ich meine Leser dazu einlade an meinem Leben Teil zu haben und ich offen für Folgekommunikation bin. So banal dies klingen mag, so ist es doch etwas, das in vielen One-to-One-Medien bisher gefehlt hat. So führt eine nicht erwiderte SMS oder eine nicht beantwortete Email in der Regel zum Abbruch von Kommunikation. Und sofern beide Kommunikationspartner nur schwach miteinander verbunden sind, führt eine nicht erwiderte Kommunikation gar zum Abbruch des Kontaktes.
Twitter umgeht dies, indem es einen Raum des permanenten phatischen Rauschens eröffnet, in welchem Kontakte intensiviert werden können, sofern man dem Rauschen nur zuhört. Da sich die Tweets der meisten Nutzer eben nicht nur auf "Drinking coffee, reading the Guardian" beschränken lassen, sondern eben auch persönlicher und detailierter sein können, entwickeln Twitternutzer mit der Zeit ein Gefühl der Verbundenheit mit den Menschen, denen sie folgen.Leisa Reichelt hat dies als Ambient Intimacy beschrieben: Also die Fähigkeit mit Leuten in Kontakt zu bleiben und zwar in einer Regelmäßigkeit und Intimität, wie dies unter normalen Umständen aus zeitlichen und räumlichen Gründen unmöglich wäre. Twitter ist in diesem Sinne imstande ein Gefühl der Verbundenheit und Vertrautheit mit Menschen zu fördern, selbst wenn sich diese Menschen nie im echten Leben begegnet sind. Ein Effekt, wie man ihn bisher nur bei wenigen medialen Kommunikationsformen beobachten konnte.
Dies sollte eine "kurze" Zusammenfassung meiner Beobachtungen sein, die ich bei meiner Beschäftigung mit Twitter in letzter Zeit gemacht habe. Die Diskussion ob Twitter nun ein banaler Dienst ist oder nicht, würde ich stets mit "Ja" beantworten. Ich behaupte sogar, dass Twitters Erfolg auf seiner Banalität und Einfachheit beruht. Doch ich meine dies nicht negativ, denn wie oben bereits erwähnt, können selbst Trivialitäten soziale Effekte ausüben, deren Kraft man nicht unterschätzen sollte.
Vögel zwitschern auch nur, aber sie organisieren ganze Schwärme.