Der Twitter-PowerPoint-Komplex

Twitter is evil! PowerPoint makes you dumb!
Seit einigen Jahren gibt es eine öffentliche Diskussion darüber, wie PowerPoint unsere Art zu Kommunizieren beeinflusst und ob unsere Wissensgesellschaft gar durch den inflationären Einsatz von PowerPoint zu verdummen droht. Kritiker behaupten, dass der Einsatz von PowerPoint systematisch zu schlechteren Vorträgen führe, dass Performance wichtiger sei als der eigentliche Inhalt und dass quasi jeder Vortrag zu einem Verkaufs-Pitch verkomme. Befürworter der Technologie halten jedoch dagegen, die Software sei nur ein Werkzeug, auf dessen Art der Verwendung es ankomme. Nicht PowerPoint sei das Problem, sondern die Unfähigkeit des Redners diese sinnvoll einzusetzen und mit einer entsprechenden Rhetorik zu versehen. Eine ähnlich kulturkritische Debatte lässt sich auch um Twitter feststellen. Für die einen ist Twitter der auf 140-Zeichen verkürzte Untergang des Abendlandes, für die anderen bloß ein Tool, auf dessen kluge Verwendung es ankommt.
Denjenigen, die sich mit Medien beschäftigen, wird diese Diskussion bekannt vorkommen. Jedem Medium wird das Potenzial zur Revolutionierung - oder zumindest zur Umstrukturierung - der Wissensordnung zugeschrieben. Diese Veränderung wird gleichermaßen als Anfang einer neuen Epoche gefeiert wie als apokalyptisches Szenario gefürchtet. Wie einige meiner Leser vielleicht wissen, setze ich mich mit diesen Themen wissenschaftlich auseinander und bin derzeit vor allem an Twitter und seinen Einfluss auf unsere Kommunikations-Kultur besonders interessiert. Aus diesem Grund möchte ich die Diskussionen, die um Twitter und PowerPoint geführt werden, mal ein wenig genauer beleuchten und versuchen aus den Analogien neue Erkenntnisse zu gewinnen.
Kulturpessimismus und Sozialtheorie
Die kulturkritische Diskussion zwischen Kritikern und Befürwortern der genannten Dienste ist das Abziehbild einer Kontroverse, die sich wie ein roter Faden durch die techniksoziologische Theoriediskussion zieht. Auch hier gibt es zwei Lager, die konkurrierende Sichtweisen vertreten.
Zum einen wird die These vertreten, dass Technologien selbst verfestigte Sozialstrukturen sind und quasi wie institutionale Verhaltensregeln von außen auf das Verhalten des Einzelnen einwirken. Technische Artefakte enthalten demnach Handlungsanweisungen, die das Verhalten des einzelnen beeinflussen. Dieser Sichtweise würde somit der Haltung entsprechen, PowerPoint würde komplexe Ideen in ein vorgefertigtes Format quetschen und uns zu einer bestimmten Vortragsweise zwingen.
Die zweite Sichtweise geht davon aus, dass Technologien ein außersoziales Phänomen sind und erst im Handeln soziale Bedeutung erlangen. Technologien lassen sich nur aus dem Sinn heraus interpretieren, den menschliches Handeln der Verwendung dieser Technologie verleiht. PowerPoint/Twitter sei in diesem Sinne nur ein Werkzeug. Nicht die Software ist Schuld an der Banalität der Inhalte, sondern die Unfähigkeit der Nutzer die Technik sinnvoll einzusetzen.
Doch welche Sichtweise ist nun die treffendere? Schreiben die technischen Optionen von Twitter ein gewisses Nutzungsverhalten vor oder ist eine völlig freie Nutzung möglich? Sind die Funktionen des Dienstes technisch verfestigte Normen, die uns zum Veröffentlichen von Banalitäten animieren, oder liegen die Auswirkungen der Twitter-Nutzung in den Händen der Nutzer?
Das Zusammenspiel von Struktur und individuellem Handeln
Trotz aller in technologische Strukturen eingeschriebenen Handlungsanweisungen bietet Technologie oft erhebliche Spielräume der Nutzung. Diese Spielräume werden von dem einen besser genutzt als von dem anderen und wiederum komplett anders von einem dritten interpretiert. Menschen beziehen sich in ihrem Handeln auf vorgelagerte Strukturen, wobei sie mit diesem Handeln wiederum Strukturen schaffen (Theorie der Strukturierung von Anthony Giddens).
Die Nutzung von PowerPoint als auch Twitter besitzt somit einen Doppelcharakter. Sie unterliegt einerseits Restriktionen und ist so nur eingeschränkt zur Darstellung bestimmter Inhalte geeignet. Durch die eingeschränkten Dispositionen blenden viele Nutzer wiederum denkbare Handlungsweisen aus. Optionen und Funktionen der Bedienung haben in gewisser Weise Aufforderungscharakter - sie legen ein bestimmtes Handeln nahe, welches wiederum zur Ausbildung bestimmter Nutzungsschemata führt.
Das Argument „Twitter ist nur ein Werkzeug auf dessen Einsatz es ankommt“ greift daher auch zu kurz. Twitterer greifen in ihrem praktischen Handeln auf vorgelagerte Strukturen zurück und reproduzieren in diesem Sinne wiederum Regeln der Verwendung. Twitter wird in diesem Sinne nie zu einem reinen Info-Kanal werden, auch nicht zu einem geschlossenen RSS-Reader (Gott sei dank!) - vielmehr wird Twitter Menschen immer dazu verleiten Banalitäten zu veröffentlichen und über aktuelle Aktivitäten und Gedanken zu schreiben.
Doch was lernen wir daraus? Wie gehen wir mit dem Wissen um die impliziten Eigenschaften der Technologie um? Ich denke, wir sollten uns in erster Linie aufgefordert fühlen die naheliegenden Potenziale des Mediums zu nutzen. Letztendlich hat uns PowerPoint weder klüger noch dümmer gemacht. In einer Zeit, in der es wichtig ist möglichst viele Präsentation, Meinungen und Ideen zu verschiedenen Themen vorrätig und abrufbar zu haben, erleichtert es PowerPoint uns jedoch Vorträge zu gestalten. Das übergeordnete Bedürfnis, welchem Twitter zugrunde liegt, zu identifizieren, fällt jedoch ein wenig schwerer, da es als soziales Netzwerkmedium in einen komplexeren Kontext eingebettet ist.
Auf dem Weg zur Online-Vergesellschaftung
Technik und Gesellschaft stehen in einem wechselseitigen Austauschverhältnis. Durch das Aufkommen von Netzwerkmedien sehen wir eine Entwicklung, in der Vergesellschaftung von Individuen stärker von Informationstechniken beeinflusst wird als je zuvor. Die Algorithmen der Informationstechnik ermöglicht es uns global zu einer Netzwerkgesellschaft zu formen, welche nicht nur durch soziale sondern auch durch technische Wechselwirkungen geprägt ist. Doch zur Vergesellschaftung benötigt es mehr als nur eine technische Verbindung zwischen Menschen - Communities leben als soziale Beziehungsgeflechte durch Bindung. Bindung geschieht prozesshaft, sie bedarf häufiger Kontakte und Auseinandersetzung mit dem Gegenüber. Ich glaube, dass Twitter durch seine Funktionalität uns zu einer Netzwerkkommunikation verleitet, die uns durch ihre phatischen Elemente einen emotionalen Mehrwert bietet, wie es in dieser Schnelligkeit und Serialität von keinem anderen Netzwerkmedium zuvor geboten worden ist. Mit der Banalität, die einen Großteil der Twitter-Kommunikation ausmacht, zieht somit auch ein Teil der Natürlichkeit in die Netzwerkkommunikation ein, die auch unsere Alltagskommunikation im echten Leben ausmacht und uns dabei hilft Sozialität zu organisieren.


1 Kommentare:
Stimmt. Besonders der letzte Satz.
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