Kopf-Twittern gegen Bauch-Twittern?

Bei Christian gab es vor wenigen Tagen eine interessante Diskussion darüber, ob persönliche Informationen auf Twitter veröffentlicht werden sollen, oder ob der Dienst sich nicht vielmehr in eine reine Informations-Plattform entwickeln soll, auf welcher ausschließlich interessante Links und Infos geteilt werden (Kopf-Twittern). Ich habe ja bereits in einem früheren Post darauf hingewiesen, dass Twitter eine phatische und damit soziale Funktion erfüllt, welche zum Teil erst durch das Teilen von persönlichen Informationen und Belanglosigkeiten möglich und durch Dialog und Kollaboration effiziert wird. Ich würde sogar soweit gehen und sagen, dass das in Christians Beitrag genannte „Bauch-Twittern“ Teil einer sozialen Veränderung ist - warum möchte ich im Folgenden erläutern.
Klassische elektronische Medien (Telefon, Fernseher) als auch neue Spielarten wie Netzwerkmedien (Blogs, Twitter, Social Networks etc.) können bei massenhafter Verbreitung neue soziale Umwelten schaffen, welche unser Verhalten stärker beeinflussen, als es der reine mediale Inhalt vielleicht vermuten ließe. Viele Kritiker bemängeln, dass Twitter Nutzer unnötige persönliche Informationen über sich selbst veröffentlichen (bspw.: „Höre gerade Oasis, danach geht's mit Freunden zum Fußball“), aber niemand stellt sich die Frage wie genau dieser Aspekt zu neuen sozialen Umwelten führen kann.
Soziale Situationen sind immer von ihrem Kontext abhängig, in den sie eingebettet sind. Wenn unterschiedliche soziale Situationen kombiniert werden, kann ein einst angemessenes Verhalten plötzlich unangemessen erscheinen. Wenn also private Informationen nun in einem öffentlichen Raum zugänglich werden und mit anderen sozialen Kontexten vermischt werden, so werden sich letztendlich auch etablierte Verhaltensweisen oder Rollenverständnisse ändern.
Ein Beispiel: Viele formelle Rollen basieren auf einem Mangel an intimen Wissen über den anderen. Sobald jedoch die mystifizierende Leere des Unwissens verloren geht, so verschwinden auch formelle Verhaltensmuster.
Google-Pressesprecher Stefan Keuchel etwa twittert unter dem Nutzernamen @frischkopp sowohl in der Rolle des Privatmenschen und Vaters als auch in der Rolle des Pressesprechers. Wie gehe ich als junger Student nun mit @frischkopp um? Verhalte ich mich wie ich mich etwa einem Vorgesetzten gegenüber verhalten würde, oder verhalte ich mich als Privatmensch, der eben auch auf Twitter unterwegs ist? Würde ich Stefan Keuchel im echten Leben treffen, so hätte ich trotz aller objektiv vorhandenen hirarchischen Rollenunterschiede dennoch das Gefühl eine Person zu treffen, welche ich bereits ein wenig kennen und mögen gelernt habe. Wie würde mein Verhalten aber in der gleichen Situation aussehen, hätte ich Stefan Keuchel nicht als @frischkopp von Twitter kennen gelernt? Wäre die soziale Situation die gleiche?
Twitter-Kontakte sind häufig „Medien-Freunde“. Die Serialität, in der ich auf Twitter soziale Informationen und Einblicke in die Persönlichkeiten anderer erhalte, baut mittelfristig eine para-soziale Bindung auf. Diese Verbindungen sind vergleichbar mit Beziehungen, die wir über die Zeit zu Figuren aus TV-Serien oder zu anderen Medien-Figuren wie etwa Pop-Sängern aufbauen.
Twitter und andere vergleichbare Medien lassen Barrieren wie Ort, Rolle oder Geschlecht zunehmend verschwinden und ermöglichen uns eine soziale Mobilität in einer Arena, in der Interaktionen vielmehr informativer und sozialer statt physischer Art sind. Dies kann man aus heutiger Sicht als Chance oder Gefahr verstehen. Nicht zu diskutieren ist jedoch die Tatsache, dass meine Generation, welche mit diesen Medien aufwächst, diese Kultur bereits lebt und atmet. Jene Menschen, die Netzwerkmedien als reine Plattform für fokussierten und formellen Informationsaustausch nutzen, verkennen somit einen essentiellen (emotionalen) Mehrwert, den diese Medien für unsere künftige Kultur haben werden, welche von der nun heranwachsenden Generation geprägt sein wird.
PR-Blogger und Online-Reputations-Berater Klaus Eck sagt „Leute, bleibt sachlich und gebt wenig von eurer Persönlichkeit im Internet preis“. Ich sage jedoch, dass genau solche Leute in Zukunft als inkonsistent und unauthentisch betrachtet werden könnten, weil sich dann längst neue soziale Kontexte etabliert haben, in denen das öffentliche Teilen von persönlichen Informationen als soziale Geste verstanden wird. Wir sehen hier einen langsames Verschwinden von hierarchischen Strukturen in der Art wie wir sozial miteinander interagieren, welches die Vorraussetzung für künftige Innovationen darstellen wird. Auch im unternehmenrischen Kontext.


7 Kommentare:
Spannende Argumentation. Irgendwo hab ich ja mal gelesen, dass die "seelische Entblößung" im Web ähnlich der "körperlichen Entblößung" durch die Einführung des Minirocks ist. Ähnlich heftig diskutiert und ähnlich irreversibel.
Es scheint mir auch wahrscheinlich, dass die Öffnung des privaten zukünftig nicht mehr nur taktisch erfolgt, sondern schlichtweg Usus wird.
Was der Wegfall der existierenden Hierarchien für unsere Gesellschaft bedeutet, wird dabei eine spannende Frage. Kommen neue Hierarchien (ich nehme an: Ja) und mit welcher Legitimation?
Bravo! Sehe das genau so. Gestartet vor 2 Jahren als Kopftwitterer, bin ich nun immer mehr zum Bauchtwitterer geworden. Tagsüber überwiegt die Ratio, nach dem Büro und am Wochenende wird's bauchlastiger. Und es funktioniert prima!
„Inkonsistent und unauthentisch“, ganz richtig. Ich denke, daß das Konzept, möglichst wenig Privates preiszugeben, nicht mehr richtig aufgeht. Die vollständige Kontrolle über das, was das Internet von uns weiß, haben wir ohnehin nicht mehr, und Unsichtbarkeit wird auch zunehmend ökonomisch abgestraft (letzteres ist nicht von mir, sondern sinngemäß von Andrew Keen). Dazu kommt, daß wir nicht nicht kommunizieren können (Watzlawik habe ich eben noch zitiert gesehen in einem anderen Blogeintrag, den ich kommentierte): Der Versuch, „wenig von seiner Persönlichkeit im Internet preiszugeben“, gibt selbst bereits eine Menge über die Persönlichkeit preis. Und nicht unbedingt Gutes.
Auch ich habe im Übrigen von Anfang an zwar nicht beruflich, aber trotzdem fast ausschließlich „kopfgetwittert“, und erwische mich in letzter Zeit dabei, wie ich mehr und mehr private Aktivitäten und Trivialitäten einstreue. Unreflektiert phatisch, sozusagen.
Ich gebe Dir absolut recht. Wer twitter nur dazu nutzt, um seine "Reputation" auf- oder auszubauen, verkennt, dass die Menschen nicht nur an der Expertise eines Schaffenden interessiert sind sondern auch an seinem Leben, woran sie dann die viel beschworenen Soft Skills ableiten. Darum möchte ich auch die ganzen Experten, die ungefragt noch und nöcher Tipps in Sachen twitter geben, darauf hinweisen, dass der ursprüngliche Gedanke von twitter "What are you doing" ist.
Ich muss zugeben, dass ich diese Unterscheidungen oder beruflich/persönlich oder privat/öffentlich oder Kopf/Bauch etc. wenig nachvollziehen kann.
Hallo? Ich kann doch auch im beruflichen Kontext persönlich twittern! Ich meine "Ich" bin doch auch im Beruf eine PERSON. Mit Ängsten, Leidenschaften, Freude, Stress, Humor und Begeisterung. Und ich kann das alles auch im beruflichen Kontext einbringen. Und natürlich sind das alles Soft-Skills. Und natürlich gehört das alles auch zu meiner Reputation. Ich finde es bedauerlich, wenn Menschen in ihrem Beruf diese ganzen Attribute nicht finden.
Und soweit ich Klaus Eck kenne, setzt er das Wort "privat" absolut gezielt ein. Denn - mit Verlaub - nichts in Twitter ist "privat". Twitter ist per Definition "öffentlich". Und "privat" ist per Definition das Gegenteil von "öffentlich". Und ich persönlich würde unter keinen Umständen davon abgehen, dass "privates" - und erst recht nicht "intimes" - nicht auf Twitter gehört - denn damit geht es schlichtweg verloren, und zwar für immer. "Persönliches" ja, absolut, aber das kann auch im beruflichen Umfeld sein.
Und ich frage mich, warum wir darüber diskutieren "wohin sich der Dienst hin entwickeln" soll. Manche nutzen es so, andere so. Was soll's? Klar sind persönliche Informationen (hier und da) interessant. Aber auch sachliche Informationen können das sein.
Ebenso wenig verstehe ich persönlich die Unterscheidung von "Bauch" und "Kopf". Wenn wir es "Gefühl" und "Ratio" nennen (gerne auch "Herz" und "Intellekt"), wird es vielleicht klarer. "Gefühls- oder Herz-Tweets" stellen dar, welche Beziehung wir zu welchen Dingen haben. Und "Intellekt- oder Ratio-Tweets", wie wir was beurteilen. Aber meine Güte, BEIDES ist doch bedeutsam. Ich sehe beispielsweise Holger Schmidt von der FAZ als klassischen "Ratio-Twitterer", und ich finde sein Tweets sehr bereichernd.
Oder diskutieren wir am Ende über Worte? Mein Gefühl (!) ist, jeder soll Twitter so nutzen, wie er Twitter nutzen will. Und jeder soll dem folgen, dem er folgen will. So regelt sich wunderbar alles allein, jeder Topf findet zu seinem Deckel.
Aber eines würde (und werde) ich jedem empfehlen. Egal wie viel Herz, Bauch oder Gefühl man in seine Tweets investiert - seinen Kopf sollte man nie abschalten, sondern schon gut überprüfen, ob das, was einem sein Herz, sein Bauch oder sein Gefühl gerade sagt auch in die Öffentlichkeit gehört.
Und aus meiner Sicht spricht auch nichts dagegen, seine Tweets "strategisch" zu planen. Daran kann ich rein gar nichts verwerfliches sehen. Das ist einfach nur "weise". Denn wer sich in der Öffentlichkeit bewegt, der "wirkt" und "bewirkt" auch etwas. Und jeder kluge Mensch tut gut daran, damit verantwortlich umzugehen. Gerne auch, indem er sich dafür entscheidet, dass es für ihn besser ist, wenn er "Bauch-Twitter".
In diesem Sinne, ein fröhliches und erülltes Leben :-)
Toller Artikel, regt sehr zum Nachdenken an. Habe die strenge Unterscheidung zwischen Kopf- und Bauch ohnehin selten nachvollziehen können (wahrscheinlich weil ich zu sehr "Bauchmensch" bin). Als Twitterneuling merke ich auch, dass dieser Spagat künstlich und schwer aufrechtzuerhalten ist.
Danke Euch für die Kommentare. Spannende Diskussion.
@Talkabout: Ich denke wir liegen gar nicht soweit voneinander entfernt. Was deine Probleme mit der Unterscheidung angeht: Bauch und Kopf waren aus der ersten Diskussion auf Christians Blog entnommen und sind natürlich metaphorisch gemeint und damit natürlich wenig präzise.
Was du über das Verhältnis von Persönlichkeit und Beruf sagst, stimmt natürlich und deckt sich mit den anderen Ausführungen.
Ich bin sicher, dass niemand der hier versammelten empfehlen würde intime Informationen über sich selbst preiszugeben, da hast du uns glaube ich wirklich falsch verstanden. Genauso wenig sollte mit einem "Bauch-Twittern" ein Ausschalten des Kopfes einher gehen.
Ich schätze Holger Schmidts Twitter Stream auch sehr für seinen Informationsgehalt und ich sehe auch absolut kein Problem darin Twitter in der Art und Weise wie Holger Schmidt es tut zu nutzen - es ist eine Bereicherung.
Der Punkt ist: Twitter wird von vielen Menschen als Instrument für sozialen Austausch genutzt. Welche Auswirkungen das auf Gesellschaft/Medien/Marken etc hat, interessiert mich und andere auch. Das wollen wir verstehen und diskutieren.
Die Diskussion in diesem Blogpost ist ein daher Versuch einige Aspekte der Kommunikation auf Twitter zu verstehen. Hier ging es nicht darum, eine bestimmte Variante der Nutzung zu empfehlen. Ich gebe lediglich eine Prognose ab, wie sich soziale Kontexte aufgrund von Mediennutzung verändern werden.
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